Der Lauf der Welt


Die Geschichte ist rasch erzählt. An den Ufern des Kleinen Hundsflusses erhob sich, gegen Ende des 14. Jahrhunderts, die Hundsburg, eine der am schönsten gelegenen und zugleich eine der gefährdetsten militärischen Anlagen ihrer Zeit. Der außerordentliche Reiz ihrer bedrohten Lage wurde von Rittern, Söldnern und Hintersassen gleichermaßen in ihrer malerischen Position über dem Flusstal gesehen, das sie kontrollierte. Besonders an solchen Tagen galt das, an denen über ihr ein samtblauer Himmel ausgespannt war, wie man ihn vor allem in den zentralen Alpen kennt.

Und so nimmt es nicht wunder, dass sie seit sieben Jahren von den vereinigten Habsern belagert wurde. Hubertus Graf Hundsnurschel XVII. aber trieb seine Mannen Tag für Tag an, ließ nicht zuletzt unausgesetzt seine lauten Kanonen abschießen, die die Nerven der Feinde zerrütten sollten, sonst jedoch kaum etwas bewirkten, und befahl immer wieder Ausfälle aus seinem Fort, so dass das Kriegsglück hin und her wogte, ohne eine Entscheidung herbeizuführen. Denn auch die Habser unter Eustachius XX. ließen nicht locker, weshalb sich die zersäbelten Leichen von Menschen und Pferden in der Burg und um die Burg herum immer mehr häuften. Wundärzte und Quacksalber, die von überall herbeiströmten, hatten auf beiden Seiten gut zu tun, Kadavergeruch lag in der Luft über dem lieblichen Tal, winters wie sommers. Doch das focht die Befehlshaber nicht an, denn sie hatten ihre Gründe, und auch die Söldner brauchten ihren Batzen. Nurschel und Stachel, wie die beiden Kleinfürsten genannt wurden, ließen sich regelmäßig von ihren Mannen feiern, sie hielten Reden oder glaubten zumindest, Reden zu halten, achteten penibel auf ihr jeweiliges Outfit und übten martialische Gesten. Sie wussten: Das ist wichtig.

Beide waren korpulent, genau genommen: fett, sie hatten niedere Stirnen, rote Nasen, zunehmend trübe Augen, und nach ein paar Jahren, die sie mit Kriegsgeschäften zugebracht hatten, taten sie nicht mehr viel, sondern gingen nur noch umher und überließen die eigentliche Arbeit ihren Unterführern, auf die sie sich stützten. Wie immer zeigten sie sich, ermunterten und lobten ihre Leute, steckten dem einen oder andern eine Münze zu und trösteten im Vorbeigehen die Moribunden. Das waren Routinen. Sie lebten auf und waren glücklich, wenn sie mit ihren Wappentieren spielten, wenn sie aßen und tranken und rauchten, wenn sie sich zurückziehen konnten zum Glücksspiel oder wenn sie einfach nichts taten und ihren Weiberphantasien nachhingen. So gingen Jahre und Jahrzehnte ins Land, bis Otti I., ein neuer Großfürst, Stachel und Nurschel mit seinem Heer im Handumdrehen den Garaus machte. Soll ich erzählen, wie es weiterging?
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